Der
Neue Markt in Aufruhr
(24.5.2000)
Europa wurde insgesamt gesehen
eigentlich erst sehr spät vom Internet und Ecommerce Fieber ergriffen.
Als es dann vor rund einem Jahr losging, war kein halten mehr. Von diesem
Zeitpunkt an gab es fast keine Werbeanzeige in Zeitungen oder auf
Plakaten, die ohne eine zugehörige Webadresse ausgekommen wäre. Auch die
politischen Parteien gehen WWW. Die FDP hat im Wahlkampf in
Nordrhein-Westfalen bei jeder Pressekonferenz ein riesiges
Hintergrundplakat, das weniger eine Nachricht transportiert, als die
Webadresse der Partei hervorhebt.
Ob im Fernsehen oder im Radio, die
URL gehört fest dazu.
Nimmt man den Frankfurter NEMAX
All-Shares als Indikator für die Befindlichkeit des New Economy in
Deutschland, wird man schnell sehen, dass es momentan längst keine Gründe
gibt, nervös zu werden. In den letzten zwei Jahren tendierte der Index
jeweils im September/Oktober zu stärkeren Einbrüchen, was der DAX und
NASDAQ eben genau so tun. Doch pünktlich Anfang November beginnt der
jeweilige Höhenflug wieder. Für Deutschland und auch ganz Europa stellt
sich allerdings noch ein weiteres Phänomen ein. Denn seit November hat
der Nemax einen nie zuvor dagewesenen Anstieg erlebt, er sich bis Mitte März
hielt, um dan rapide um knapp 25% abzustürzen. Trotzallem hält sich der
Indexwert damit noch doppelt über seinem 99er Niveau.
Gewiss
gibt es in gewissem Maße eine Katharsis und Kursbereinigung in der
Branche, auch hat gerade die Pleite von boo.com (GB) gezeigt, dass auch im
ecommerce saubere Kostenrechnung gefragt ist, doch trotz allem wird der
Nemax zügig wieder in Topform geraten. Schließlich kann in keiner
Wirtschaft ein Mensch erwarten, dass ein Unternehmen über längere Zeiträume
1 Millionen US$ in den Sand setzt, ohne dass reagiert wird.
Erst heute (23 Mai 2000)
beispielsweise hat Wirtschaftminister Müller auf einer Tagung betont, wie
die Online Angebote die konventionelle Marktwirtschaft unterstützen und
sogar Kapitalpotentiale freuzusetzen vermögen, in dem straffe
Konstenreduzierungen möglich werden.
Ja, freilich, es wird nun etwas stärker
gesiebt, und Firmen aus dem ecommerce Segment sind vorsichtiger mit dem Börsengang,
so haben beispielsweise GMX, V.I.P und Ibex zunächst einmal ihre Pläne
des Börsengangs unbestimmt vertagt. Doch gleichzeitig prognostizieren die
großen deutschen Unternehmen einen klaren Siegeszug des @Kommerzes. So gründete
der Karstadt-Quelle Konzern ihre New Media AG für den elektronischen
Vertrieb, oder etwas die Lufthansa einen Direktvertrieb ihres Angebotes.
Dell, die ihre PC vor allem über das Internet direkt vertreiben, konnten
ihre Verkauszahlen im letzten Quartal in Europa um 11% steigern, während
konservativ operierende Anbieter wie z.B. Fujitsu Siemens (-4%) oder gar
IBM (-22%) in Europa geradezu den Rückzug verkünden.
Des weiteren sehen wir nun endlich
auch in Deutschland die Einführung von Internet Flatrates und starke
Verbreitung von Hochgeschwindigkeitszugägen. In Deutschland gibt es die
stärkste ISDN Dichte der Welt, hinzu findet DSL nun auch Konkurrenz, hat
doch Arcor angekündigt zum 1. Juni ein Konkurrenzprodukt zu T-DSL auf den
Markt zu bringen, was T-Online dazu bewog, bis Jahresmitte eine
Pauschaltarif unter 100 DM monatlich zu realisieren.
WAP ist in aller Munde und Set-top
Boxen wie auch internetfähige Spielekonsolen sind die letzen Bestseller
im Markt. Und dann hat gar Herr King beschlossen seine zukünftigen Romane
nur noch über das Internet zu vertreiben und und und..
Nein,
wer glaubt die @-Welt befände sich in einer Krise der irrt und sieht
nicht was geschieht.
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